Bergen, St. Marien

Bergen, St. Marien

Künstler:
unbekannt bzw. Restaurierung der mittelalterlichen Malerei durch August Oetken
Erstellt im Jahr:
12. Jh., restauriert in den Jahren 1896-1902
Auftraggeber:
Evangelisch- Lutherische Kirchengemeinde Bergen auf Rügen
Ausführung:
Bauabschnitte 2010, 2011, 2012, 2013, 2014 und 2016

Bei den vor 1193 unter dänischen, westfälischen und niedersächsischen Einflüssen entstandenen spätromanischen Wandmalereien in der Kirche St. Marien, Bergen auf Rügen handelt es sich um ein international bedeutendes Kunstdenkmal. Sie wurden im Jahre 1896 aufgedeckt und bis 1902 durch den Maler und Innenarchitekten August Oetken restauriert. Durch den fortschreitenden Verfall der Wandmalereien aufgrund von Salzausblühungen wurde in den Jahren ein Forschungsprojekt initiiert, das die Erarbeitung und Erprobung eines nachhaltigen Konservierungskonzeptes für die Wandmalereien in der Marienkirche zum Ziel hatte. Seit dem Jahr 2009 wurde bzw. wird in verschiedenen Bauabschnitten dieses Konservierungs- und Restaurierungskonzept durch die ARGE Lenzner, Gramann und Schwieger umgesetzt.

Die Marienkirche in Bergen auf Rügen ist als Kunstdenkmal von nationaler Bedeutung gelistet. Sie wurde in weiten Teilen im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts und zu Beginn des 13. Jahrhunderts erbaut. Im 14. Jahrhundert erfolgten die teilweise Neuerrichtung des Westturmes, des Langhauses und der Chorapsis sowie der Einzug von Kreuzrippengewölben im gesamten Kirchenraum. Bei der durchgreifenden Sanierung des Gebäudes in den Jahren 1896 bis 1902 wurden verschiedene bauliche Veränderungen der vergangenen Jahrhunderte zurückgenommen und nachträgliche Einbauten wieder entfernt. In diesem Zusammenhang wurden auch die 1896 in Chor und Querhaus wiederentdeckten umfangreichen Reste eines Wandmalereizyklus aus dem späten 12. Jahrhundert durch den Maler und Innenarchitekten August Oetken freigelegt und restauriert. Die Putze und Malschichten an den übrigen Wand- und Gewölbeflächen wurden offensichtlich nahezu vollständig entfernt. Anschließend erfolgten der Neuverputz und die Neuausmalung der Kirche, die eine großzügige malerische Ergänzung der romanischen Wandmalereien beinhaltete.

Durch den fortschreitenden Verfall der Wandmalereien aufgrund von Salzausblühungen wurden von der Kirchengemeinde im Jahr 2003 restauratorische Voruntersuchungen beauftragt, die durch die Materialprüfungsanstalt Bremen naturwissenschaftlich begleitet wurden. Als Hauptschadensursache wurden starke Gips- und Nitratbelastungen der Malschicht im Zusammenwirken mit klimatischen Bedingungen festgestellt. Daraufhin wurde in den Jahren 2007-2009 ein Forschungsprojekt mit dem Ziel der Erarbeitung und Erprobung eines nachhaltigen Konservierungskonzeptes für die Wandmalereien in der Marienkirche initiiert. Ziel des Projektes war die Erarbeitung und Erprobung einer modellhaften und nachhaltigen Konservierungs- und Restaurierungskonzeption für großflächig rauchgas- und nitratgeschädigte Raumfassungen im ostseetypischen Wechselklima.

Im Jahr 2010 erhielt die Arbeitsgemeinschaft Lenzner, Gramann und Schwieger den Auftrag für die exemplarische Umsetzung des Konservierungskonzeptes zunächst an der Westwand des südlichen Querhauses, an dem angrenzenden südwestlichen Vierungspfeiler sowie an der Südwand des Chores (Bauabschnitt 2010/2011). Schließlich wurde die Arbeitsgemeinschaft auch mit der Bearbeitung der nachfolgenden Bauabschnitte beauftragt (Bauabschnitte 2012-2014, 2016): Fertigstellung der Chorsüdwand und des angrenzenden südöstlichen Vierungspfeilers, Konservierung und Restaurierung der Chornordwand einschließlich des ersten Segmentes vom Chorpolygon sowie des nordöstlichen Vierungspfeilers, Konservierung und Restaurierung des nordwestlichen Vierungspfeilers, der Süd- und Ostwand des südlichen Querhauses sowie der Ost- und Westwand des nördlichen Querhauses).

Der Arbeitsumfang umfasste folgende Maßnahmen:

-Putzkonservierung

-Malschichtfestigung

-Putzkittungen

-Farbliche Integration von stark störenden Fehlstellen und Kittungen in Trateggio-Technik

-Gipsumwandlung und Salzextraktion

-Materialanalysen

-Messungen mittels mobilem Röntgenfloureszenzspektrometer

-Kartierung, schriftliche sowie fotografische Dokumentation der Maßnahmen

-Erstellung eines Gutachtens zur Auswertung der Ergebnisse der Materialanalysen und der RFA-Messungen während der Bauabschnitte 2010 bis 2014

Neben der Konservierung von Putz und Malschichten bilden besonders die Maßnahmen zur Reduktion der Gipsbelastung und zur Extraktion der leicht löslichen Salze aus dem Gefüge von Putz und Malschichten eine zentrale Aufgabenstellung. Die komplexe Schadensproblematik erfordert hierbei eine sensible, an die unterschiedlichen lokalen Gegebenheiten angepasste Vorgehensweise. Die Gipsreduktion bzw. Salzbehandlung erfolgt dabei erst nach der Durchführung kleinteiliger Arbeitsproben bzw. nach der Überprüfung des Behandlungserfolges durch Materialanalysen sowie nach einer Klassifizierung der Arbeitsbereiche (in Bereiche, in denen Ionenaustauschharz bzw. in denen Ammoniumcarbonat zur Anwendung kommt).

Projektbeteiligte:

Arbeitsgemeinschaft Lenzner, Gramann und Schwieger (Dipl.- Restauratorin Sylvia Lenzner zusammen mit Gramann und Schwieger Restauratoren GbR; Auftragnehmer)

Freiberufliche Mitarbeiter: Dipl.- Restauratorin Johanna Bethke, Dipl.- Restaurator Heiko Hartmann, Dipl.- Restauratorin Judith Kauffeldt, Dipl.- Restauratorin Katharina Montag, Dipl.- Restauratorin Susann Förster, Dipl.- Restauratorin Jeanette Koletzki, Dipl.- Restauratorin Anja Solod, Dipl.- Restaurator Hagen Meschke, Dipl.- Restaurator Olaf Zeidler, Restauratorin Carola Magnus, Restaurator Helge Tietze

Praktikantinnen: Theresa Donner, Vera Schurig, Judith Sudrow, Lidia Gugliuzza, Nele Reimann, Laura Averbeck (Studentin), Christine Pieper (Studentin), Alicia Pasternak (Studentin), Elisa Höse (Studentin)

Dipl.-Restaurator Andreas Weiß, Gingst (Fachbauleitung)

Dipl.-Ing. Gerd Meyerhoff, Pommersches Evangelisches Kirchenamt

Dipl.-Restauratorin Elke Kuhnert, Landesamt für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Dezernatsgruppe Restaurierung

Dipl.-Restaurator Karsten Püschmann

Pfarrer Dr. Jörn Kiefer, Herr Mehnert, Kirchgemeinde St. Marien, Bergen

Dr. Frank Schlütter, Amtliche Materialprüfungsanstalt Bremen (Materialanalysen)



Oberes Bild: Mittelalterliche Malerei, im 19. Jh. teilweise durch A. Oetken überarbeitet, an der Südwand des Chores. Foto: Dipl.- Restaurator C. Gramann.

Abb.: 1

Abb.1: Westfassade der Kirche St. Marien in Bergen. Foto: Dipl.- Restaurator C. Gramann

Abb.: 2

Abb.2: Kircheninnenraum, südwestlicher Vierungspfeiler, Vorzustand, vor der Konservierung und Restaurierung, Fehlstelle am Eckbereich sowie aufliegender Gipsschleier. Foto: Dipl.- Restaurator C. Gramann.

Abb.: 3

Abb.3: Kircheninnenraum, südwestlicher Vierungspfeiler, Endzustand, nach erfolgter Konservierung, Kittung, Salzreduktion und Retusche. Foto: Dipl.- Restaurator C. Gramann.

Abb.: 4

Abb.4: Kircheninnenraum, Westwand des südlichen Querhauses, Vorzustand, vor der Konservierung und Restaurierung, fleckenartige sowie vergraute Malschicht aufgrund aufliegenden Gipsschleiers bzw. – sinters, Foto: Dipl.- Restaurator C. Gramann.

Abb.: 5

Abb.5: Kircheninnenraum, Westwand des südlichen Querhauses, Endzustand, nach erfolgter Konservierung, Ammoniumcarbonat- Behandlung und Restaurierung, Foto: Dipl.- Restaurator C. Gramann.

Abb.: 6

Abb.6: Endzustand der Westwand des südlichen Querhauses nach erfolgter Konservierung und Restaurierung, Foto: Dipl.- Rest. C. Gramann.

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sylvia lenzner - diplom restauratorin

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