Schloss Hessen, Turmzimmer

Schloss Hessen, Turmzimmer des 1.OG

Künstler:
unbekannt
Erstellt im Jahr:
16.Jh.
Auftraggeber:
Verwaltungsgemeinschaft Aue-Fallstein
Ausführung:
Oktober 2000-Juli 2001 (Diplomarbeit), September-Dezember 2010, April-September 2011 (Konservierung, Restaurierung), April-Juni 2012 (Dokumentation)

Im Turmzimmer des ersten Obergeschosses des Schlosses zu Hessen sind niederländisch-flämisch beeinflusste Gewölbe- und Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert erhalten geblieben. Zunächst wurde im Rahmen einer Diplomarbeit eine Restaurierungskonzeption für die Malereien als Grundlage einer denkmalpflegerischen Zielstellung erarbeitet. Schwerpunkte der Diplomarbeit waren u.a. die restauratorische Untersuchung und Dokumentation der Malerei sowie des Malereiträgers, Untersuchungen zum Bestand, die Erfassung des Zustands sowie die Entwicklung des Konzeptes zur Konservierung und Restaurierung der Malereien. Das in der Diplomarbeit erarbeitete Konzept wurde von September 2010 bis September 2011 umgesetzt.

Das Schloss zu Hessen wurde erstmals im Jahre 1229 erwähnt. Eine Niederungsburg, aus einer von einem Graben umgebenen Haupt- und Vorburg bestehend, ist nachweislich seit dem 14. Jahrhundert belegt. Im 16. Jahrhundert erfolgten umfassende bauliche Veränderungen am Schloss, zunächst zwischen 1534-38 durch Curt von Schulenberg und zwischen 1562-68 unter Herzog Julius, welcher das Schloss anlässlich seiner Vermählung mit Hedwig von Brandenburg von seinem Vater Heinrich d.J. zum Unterhalt erhielt. Weitere bauliche Maßnahmen wurden zwischen 1589 und 1613 unter Julius` Sohn, Herzog Heinrich Julius und im Jahre 1654 durch August d.J. vorgenommen.

Das einstmals stattliche Schloss bestand zu dieser Zeit aus einer kastellartigen vierflügeligen Oberburg, einer dreiflügeligen Vorburg (Unterburg) und einem großen Wirtschaftshof. In der Folgezeit kam es allmählich zum Verfall des Schlosses. So wurde während der Bodenreform in den Jahren 1948-1950 aufgrund des desaströsen Erhaltungszustandes der Westflügel zwecks Materialgewinnung abgerissen. Der weitere Verfall des Schlosses führte schließlich dazu, dass im Winter 1971 / 72 auch der Nordflügel aufgrund von Einsturzgefahr bis in die Flucht des Ostflügels abgerissen wurde.

In dem aus mittelalterlicher Zeit stammenden, zum Kernschloss gehörenden Turm haben sich im Zimmer des 1.Obergeschosses Gewölbe- und Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Bei den Malereien handelt es sich um niederländisch-flämisch beeinflusste Groteskenornamente mit Beschlag- und Rollwerkelementen auf weißem Fond. Sie wurden in Seccotechnik (Bindemittel: Kasein) ausgeführt.

In einer Diplomarbeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden wurde eine Konservierungs- und Restaurierungskonzeption für die Malereien in dem Turmzimmer als denkmalpflegerische Zielstellung unter Einbeziehung der baulichen Gesamtsituation entwickelt.

In Vorbereitung hierfür erfolgte zunächst eine umfassende restauratorische Untersuchung der Ausmalung sowie des Malereiträgers, die folgende Teilgebiete umfasste:

-Bau- und kunstgeschichtliche Einordnung der Malereien

-Untersuchungen zum Bestand

-Untersuchungen des Putzes und der Fassungsschichten (Material, Aufbau, Technik)

-Untersuchungen zur Nutzungs- und Restaurierungsgeschichte

-Zustandserfassung, Schadenskartierung und –dokumentation (EDV-Kartierung)

-Schadensursachenanalyse

Neben der Ausführung einer Probeachse zur Konservierung und Restaurierung der Malereien am Beispiel eines ausgesuchten Bereiches, bildete das wissenschaftlich- theoretische Thema, die Calciumsulfat-Entfernung und –Umwandlung an Wandmalereien, inklusive einer umfangreichen Testreihe zur Behandlung der stark gipsbelasteten Malereien, einen weiteren Schwerpunkt der Aufgabenstellung.

Die während der Diplomarbeit erarbeitete Konservierungs- und Restaurierungskonzeption wurde von September 2010 bis September 2011 umgesetzt bzw. weiterentwickelt. Das Konservierungs- und Restaurierungskonzept umfasste folgende Arbeiten:

-Trockene Reinigung

-Strukturverfestigung und Konsolidierung der Putze

-Verklebung von Schichtentrennungen der Kalkgrundierung (Kalkschlämme) bzw. verklebendes Niederlegen von Schalen- und Schollenbildungen der Kalkschlämme;

-Verklebung und Festigung der Malschicht

-Salzreduktion

-Schließen von Fehlstellen im Putz und in der Kalkschlämme

-Integration von Fehlstellen

Projektbeteiligte:

Dipl.- Restauratorin Sylvia Lenzner (Auftragnehmerin)

Freiberufliche Mitarbeiter: Dipl.- Restauratorin Susan Förster, Dipl.- Restaurator Christoph Gramann (Gramann & Schwieger Restauratoren GbR), Restaurator Helge Tietze

PraktikantInnen: Christine Pieper (Studentin HfBK Dresden), Stephanie Jahns (Studentin HfBK Dresden), Lisa Reichel (Studentin HfBK Dresden), Laura Averbeck (Studentin HfBK Dresden), Angela Mitschke (Studentin HfBK Dresden), Jonas Roters (Student HfBK Dresden), Katharina Montag (Studentin FH Hildesheim), Vera Schurig (Praktikantin)

Prof. H. Leitner M.A., Hochschule für Bildende Künste Dresden

Prof. Dr. habil. H.- P. Schramm, Dipl.- Ing. Maria Schramm, Naturwissenschaftliches Labor der Hochschule für Bildende Künste Dresden

Herr Asmus Steuerlein, Fotografisches Labor der Hochschule für Bildende Künste Dresden

Herr Prof. Dr. J. Weber, Institut für Kunst und Technologie, Konservierungswissenschaften, Wien

Dipl.- Ing. Uwe Kalisch, Frau Schwind, Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen- Anhalt e.V.

Dr. Thomas Danzl, Dipl.- Restaurator Torsten Arnold, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen- Anhalt

Herr Klaus Boguslav, Verwaltungsgemeinschaft Aue- Fallstein, Vertreter des Auftraggebers

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Sparkasse Halberstadt u.a.



Oberes Bild: Turmzimmer, 1. OG, Gewölbe der Fensternische. Allegorie der Justizia.

Abb.: 1

Abb.1: Schloss Hessen Richtung Nordwesten fotografiert, linke Seite- Unterburg, rechte Seite- Oberburg.

Abb.: 2

Abb.2: Turmzimmer, 1. OG, Kreuzgratgewölbe, Groteskendekoration mit Beschlag- und Rollwerkelementen und gemalten Wappenmedallions in der Mitte eines jeden Zwickels.

Abb.: 3

Abb.3: Turmzimmer, 1. OG, Gewölbe der Fensternische. Gemaltes Beschlagwerksgerüst mit Allegorie der Justizia in der Mitte.

Abb.: 4

Abb.4: Schloss Hessen, Turmzimmer im 1. OG, Kartierung der Fassungsschäden im Kreuzgratgewölbe

Abb.: 5

Abb.5: Schloss Hessen, Turmzimmer im 1. OG, Kartierung der Leitfähigkeitsmessung an der Nordwand.

Abb.: 6

Abb.6: Fensternische, Gewölbe; Streiflicht; bewegte Putzoberfläche und Pinselduktus der Kalktünche.

Abb.: 7

Abb.7: Kreuzgratgewölbe, östliche Gewölbekappe, gemalte einhenklige Vase. Sichtbare Vorzeichnung mit Zeichenkohle aufgrund des verlorengegangenen Smaltepigments .

Abb.: 8

Abb.8: Kreuzgratgewölbe, westliche Gewölbekappe. Maltechnische Untersuchung mittels UV- Licht- in einigen Bereichen relativ starke orange- gelbe Fluoreszenzen. Foto: A. Steuerlein

Abb.: 9

Abb.9: Querschliff (Vergrößerung: 240fach). Malschichtprobe mit Verschwärzung des Zinnoberpigments auf der Oberfläche, entnommen von einem gemalten schwarzen Krebs aus der nördlichen Gewölbekappe des Kreuzgratgewölbes. Untersuchung und Foto: Dipl.- Ing. M. Schramm, naturwissenschaftliches Labor der HfBK Dresden.

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sylvia lenzner - diplom restauratorin

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